«Von Küssen und Statuen»

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Gedanken zur Identitätsstiftung

Vor einigen Wochen startete erneut ein Team aus Lehrpersonen der Kanti an der SOLA-Stafette. Diese wird vom Akademischen Sportverband Zürich organisiert. Ursprünglich kam die Idee in den 70er-Jahren aus Schweden in die Schweiz, zunächst verband der Lauf die Hochschule St. Gallen mit den Zürcher Hochschulen, Teams teilten sich die Strecke von Ost nach West auf und rannten gegen- und miteinander. Seit 1986 ist es ein Rundkurs um die Stadt Zürich, aufgeteilt in 14 Teilstrecken, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es gibt ein paar wahre Monster darunter, aber das ist eine andere Geschichte. Das Motto ist eigentlich «Mitmachen ist alles» und es soll Spass machen. Die Rennenden wünschen sich bei der Übergabe entsprechend Schönes, wie «Geniess jeden Schritt» und «Lach’ den ganzen Weg», nicht wahr? So ist es natürlich nicht, es kommt eben doch immer auch etwas Ehrgeiz auf. Dieser zeigt sich unter anderem darin, dass wir, das KZU-Team, online durchaus auch auf die Teams der anderen Kantis – und auf das des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes – schauen. Es laufen nicht sehr viele Kantis mit, aber die KZN und die KZO sind eigentlich immer dabei. Die KZN findet man gut im Online-Tool der SOLA, uns aus Bülach erst recht. Deutschlehrer Florian Riesen, unser fürsorglicher TeamCaptain, meldet uns nüchtern als «KZU» an.

Die Suche nach unserer grossen Schwester unter den Landschulen, der Kanti Wetzikon, gestaltet sich schwierig. Um sie zu finden, muss man wissen, dass die KZO eine der wenigen Kantis mit einem bekannten Motto ist. Während praktisch jede unserer Partnerschulen in Manchester irgendeinen mehr oder weniger tiefschürfenden Leitspruch im Logo hat, gibt es diese Tradition bei uns eher nicht. Der Leitspruch der Kanti Wetzikon ist witzig, scheint weit hergeholt, ist aber einzigartig, weil er wirklich nur für die KZO geht. Die Geschichte ist schnell erzählt: In den 80er Jahren kam es zu Vandalismus am Schulgebäude! Es ranken sich noch heute Gerüchte um die Urheberschaft, bewiesen wurde soweit ich weiss nie etwas. Eines Tages stand in grossen Lettern das Graffito «nur ein kuss» am Schulhaus, das Nomen erst noch frech klein geschrieben! Die Schuloberen begriffen damals sehr schnell, dass hinter diesem gesprayten Spruch sehr viel Schulromantik steckt – und liessen ihn, man stelle sich das vor, nicht entfernen. Der Spruch ist der KZO geblieben, er ist wohl allen Abgänger_innen der Schule bekannt und er zierte auch schon die offiziellen Sportdresses der Kanti Wetzikon an Zürcher Mittelschulsporttagen. Ja, und das Lehrpersonenteam an der SOLA hatte sich eben auch unter diesem Namen angemeldet, was das Auffinden in der Rangliste etwas erschwerte. (Es gelang – mit etwas Scrollen nach hinten…) Ich bin mit einigen Wetziker Lehrpersonen und Abgänger_innen persönlich verbandelt und gebe zu, dass ich immer etwas neidisch auf «den Kuss» gewesen bin.

Vor Jahren «zierte» ein grosses Boden-Graffito das Trottoir vor unserer Bushaltestelle hier in Bülach. (Ja, anders als andere Kantis haben wir eine eigene Bushaltestelle, die «Kantonsschule», heisst.) Dort stand, ebenfalls eines Morgens und ohne bekannte Urheberschaft, «HOW AM I NOT MYSELF?». Hier findet sich die Quelle (der Film I Heart Huckabees von 2004), mir geht es aber mehr um die Frage, ob sich diese Frage als KZU-Schulmotto geeignet hätte. Ich liess schon mehrfach Schulklassen im Englischunterricht zum Thema schreiben. Das Thema wurde erstaunlich oft gewählt, aber die Idee, das zu unserem Motto zu machen, fiel meist durch. Einige konnten der Frage etwas abgewinnen – in der Lebenszeit der Selbstfindung, in der sich unsere Schüler_innen ja durchaus befinden, ist sie nicht irrelevant. Sie ist auch eine mögliche Antwort auf den gelegentlich geäusserten Erwachsenen-Vorwurf, dass jemand «nicht sich selbst» und also «ausser sich» sei.

Vor allem zeigte sich in den Aufsätzen aber, dass Schulmottos grundsätzlich nichts sind, was sich bei uns aufdrängt – es fehlt die Tradition. Erzwingen lässt sich das nicht, es braucht einen glücklichen Zufall und den Mut, diesen auszunutzen, wie in Wetzikon geschehen. Immerhin bin ich froh, dass wir, wenn schon kein Motto, so doch ein Logo, ein Erkennungszeichen, haben, das jede und jeder erkennt, der unsere Kanti kennt – und wahrscheinlich kaum jemand sonst. In gewisser Weise ist unser Kuss in Stein gemeisselt.

Eine gute Woche wünscht
Roland Lüthi, Rektor