«Im Rampenlicht»

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Gedanken zum Elternbesuchstag

Wenn Elternbesuchstag ist, wie letzten Dienstag, dann erkennt man das unter anderem auch daran, dass die Fahnenstangen beim Eingang auf der Seite der Kantonsschulstrasse (wir haben eine eigene Strasse!) voll beflaggt sind. Wenn man dann am Fussgängerstreifen bei der Bushaltestelle «Kantonsschule» (wir haben eine eigene Bushaltestelle) anhält, um die Schüler_innen passieren zu lassen, dann erkennt man nichts Aussergewöhnliches. Man steht gleich lang wie an anderen Tagen, wenn man die Anfahrt schlecht getimt hat, man staunt, wie immer in solchen Momenten, wie so viele Menschen in einem einzigen Postauto Platz fanden, man schaut vielleicht in den Himmel und sieht ein Flugzeug (wir haben einen eigenen internationalen Flugplatz) – und eben, dabei schweift der Blick zu den Fahnen und man wird sich gewahr, dass Besuchstag ist.

Dann denkt man zurück an vergangene Besuchstage, mit zum Teil Kanti-legendär gewordenen Geschichten. Da war der Vater, der in der Mathematikstunde eines Kollegen die ersten zwanzig Minuten damit verbrachte, mit dem Rücken zum Unterrichtsgeschehen aus dem Fenster zu schauen, sich dann unvermittelt umdrehte und lauthals fragte, warum diese Gleichung nicht anders gelöst werde. Kritik an Inhalten bleibt mir selbst in Erinnerung: Als Junglehrer wollte ich mich vom Besuchstag unbeeindruckt zeigen und hielt am Semesterplan fest, auch wenn just an diesem Tag eine Vokabular-Einheit zum menschlichen Körper anstand. Ich liess nichts weg, was mir am Schluss der Stunde eine stirnrunzelnde Mutter vor dem Lehrerpult bescherte: «Bei Ihnen lernt man aber komische Wörtli.»

Wir freuen uns immer, wenn Eltern durch ihre Anwesenheit Interesse am Geschehen bei uns bekunden. Natürlich ist man am Morgen etwas angespannter als sonst, gleichzeitig ist es ja durchaus auch schön, einmal vor etwas anderem Publikum zu zeigen, was man macht. Von den allermeisten Besuchenden erfahren wir viel Goodwill, es gehört zum Leben, dass einem eher die anderen Fälle in Erinnerung bleiben. Da wäre der Partner einer älteren Schülerin zu erwähnen, der vor Jahren die ganze Lektion damit verbrachte, seiner Freundin das Händchen zu halten – und ich traute mich nicht, zu sagen, dass mich das störte. Oder, auch das ist lange her, der Vater, der am Schluss der Lektion bei einem Kollegen vor die ganze Klasse trat und diese zusammenstauchte: «Jetzt habt ihr so einen tollen Lehrer und ihr sitzt alle da wie die Mehlsäcke!» Sein Sohn wird es ihm ebenso wenig gedankt haben, wie der Sohn des Vaters, der bei mir im Unterricht einmal mit grösster Selbstverständlichkeit nicht auf einem Besucherstuhl am Fenster Platz nahm, sondern sich neben sein Kind setzte und diesem während der Lektion die Lösungen vorsagte.

Immer wieder schön ist, dass einem am Besuchstag nicht nur Eltern besuchen, sondern auch ehemalige Schüler_innen. Man ist dankbar, dass offenbar nicht alles schlecht war im Unterricht, man freut sich über den Schwatz nach der Stunde, wo man herausfindet, was aus den ehemaligen Schützlingen geworden ist und man hört dann vielleicht auch: «Ah, machst du das immer noch?» Das kann dann Anlass sein, über die Bücher zu gehen, es kann aber auch eine Bestärkung sein, Dinge, die offensichtlich haften bleiben, noch nicht gleich über Bord zu werfen. In jedem Fall sind, gerade positive, Rückmeldungen willkommen. Manchmal ist der Schwatz mit jeder Besucherin nach der Stunde beim besten Willen nicht möglich. Ganz sicher galt das für die Kollegin, deren Unterricht sich so grosser Beliebtheit erfreut, dass sie einmal an einem Besuchstag doppelt so viele Gäste wie Schüler_innen im Zimmer vorfand. Ich stelle mir vor, dass da normaler Unterricht kaum mehr möglich war – als «Rückmeldung mit den Füssen» war das aber sicher sehr schön.

Den nächsten Wochenbrief gibt es im Oktober.

Eine gute Woche und dann schöne Ferien wünscht
Roland Lüthi, Rektor