«Mit den Augen der andern»

Weitere Wochenbriefe

Gedanken zu Perspektiven

Am Wochenende beherbergten wir wie alle Jahre Gäste aus Manchester und Umgebung. Im Rahmen unseres Immersionsprogramms laden wir jeden Sommer pro Schule zwei Leute ein – es ist ein Dankeschön für die Arbeit, die an den sechs Partnerschulen, übrigens unentgeltlich, für unsere Immersionsklassen geleistet wird. Für uns, die Schweizer Organisatoren, ergibt sich dabei auch immer die Gelegenheit, unser Land ein bisschen durch die Augen der anderen zu sehen.

Ich berichtete an dieser Stelle letztes Jahr von unserem Ausflug in die zweitgrösste Stadt des Kantons und den Unterschieden und Parallelen zwischen den beiden Industriestädten Winterthur und Manchester. Vorletztes Jahr waren wir mit den Gästen auf einer Führung in Zürich, in einem Stadtteil unweit des Stadions Letzigrund. Eine nicht an Sport interessierte Besucherin fragte mich irgendwann, was denn die drei Buchstaben C, F und Z (in anderer Reihenfolge), die auf zahlreichen Abziehbildchen prangten, bedeuteten! Mit den Augen aus einer anderen Stadt war eben nicht klar, was hier wohl auch eingefleischten Nicht-Fans offensichtlich ist.

Dieses Jahr picknickten wir am See in Rapperswil, als eine Besucherin, die zum ersten Mal in der Schweiz ist, mir erzählte, im Flugzeug habe sie etwas gesehen, was sie so nicht kenne. Ich war gespannt. Sie berichtete, da hätten Schweizer Passagiere neben ihr eine Gurke gegessen, wie man einen Apfel esse. Also einfach so, ungeschält, ungeschnitten, Biss für Biss. Ich schmunzelte etwas und sagte ja, das komme hier vor. (Ich erklärte ihr dann auch das Konzept von Aromat, drang aber, wie mir schien, nicht durch.)

Letzte Woche schaltete eine der grossen Tageszeitungen einen Artikel, in dem Redaktorinnen und Redaktoren, die ursprünglich aus Deutschland kamen, schilderten, was sie auch nach Jahren des Lebens in der Schweiz noch anders (oder: schräg) finden. (Ein sprachliches Beispiel, das nicht im Artikel vorkam, erlebte ich vor vielen Jahren in Deutschland. Wir waren zu Besuch in einem deutschen Seminarhotel. Der Hoteldirektor macht mit uns Schweizer_innen einen kleinen Scherz. Mitten in seiner Begrüssungsrede tat er so, als würde er weggehen, blieb aber in der grossen Eingangstür des Hotels stehen. «Wissen, Sie, was ich grade mache?», fragte er uns. Wir wussten es nicht. «Ich gehe in den Ausgang.» Haha.)

Tatsächlich gibt es Dinge, die man für völlig normal hält, bei denen es den Blick von aussen braucht, um «es anders zu sehen». Vor Jahren war ich zum Beispiel einmal mit einem Gast aus Südafrika in einem Geschäft eines Schweizer Grossisten, nun, Mittel-Grossisten, um genau zu sein. Also Migros. Keith, der Freund, wollte wissen, wie Einkaufen in der Schweiz geht und so kam er eben mit. Wir hatten es nur bis zur Gemüseabteilung geschafft, als er in schallendes Gelächter ausbrach. Ich war gerade daran, ein paar Bananen auf die Waage zu legen. Als er sich erholt hatte, fragte er, ob das unser Ernst sei, dass man selber wiegt und die Nummer eingibt – bei ihnen würde ein solches System zum sofortigen Ruin aller Läden führen. Der gleiche Gast fand, dass unsere temporäre Lösung, wenn Fahrspuren wegen Umbauten geändert werden müssen – diese orangen Streifen, die dann auf die Strasse geklebt werden – eine grossartige Idee sei. Ich hatte mir noch nie überlegt, dass man das anders – oder im Falle von Südafrika gar nicht – machen könnte.

In einer Welt die, wie man immer wieder liest und hört, immer gleicher werde, ist es gut, ein waches Auge auf die Unterschiede zu haben. Natürlich führen Teile der Globalisierung zu Einheitsbrei, aber auch in diesem gibt es manchmal Unterschiede: Die Unterschiede zwischen den Sandwiches einer weltweiten Marke für belegte Brote (Eselsbrücke: U-Bahn) unterscheiden sich zwar aufgrund von kulturellen oder religiösen Präferenzen (interessant, oder?), aber Design und Prozess sind schon sehr ähnlich (weniger interessant).

In den Ferien werden viele von uns, von Ihnen, liebe Leser_innen, diejenigen sein mit den anderen Augen. Ich wünsche Ihnen wache solche, auf dass Sie Unterschiede sehen. Sie sind der Pfeffer wider den Einheitsbrei! Der Wochenbrief ruht bis nach den Sommerferien – auch die Augen des Schreibers werden in den sieben Wochen bis zum nächsten Brief hoffentlich einiges anders sehen.

Einen schönen Sommer wünscht
Roland Lüthi, Rektor

p.s. Das Klimadiagramm im letzten Wochenbrief war jenes von Outjo, Namibia, wo es Sommer ist, wenn es bei uns (manchmal) schneit.